Arme Alte

Die Zeiten sind nicht gut, sagen viele. Vor allem diejenigen, die am meisten davon profitieren, daß viele Mitmenschen hart an der Grenze des Erträglichen leben (müssen). Soweit, so schlecht. Darüber diskutieren Myriaden vom Politiker bis zum Pfarrer, nur ich im Moment nicht. Ich nehme es als Fakt hin und versuche dort, wo es geht, zu helfen und ansonsten mein eigenes Leben auf die Reihe zu bekommen. Was auch nicht wirklich einfacher geworden ist.

Sehr erschreckend allerdings finde ich es, wenn im Stellenmarkt (Was für ein obszöner Begriff in diesen Tagen!) der größten Tageszeitung des östlichsten Freistaates nicht nur die üblichen Dreizeilerangebote (Kugelschreiber montieren für einsfuffzich die Stunde bis hin zu dem völlig “seriösen Nebenverdienst ohne Akquise, keine Versicherung oder Multilevelmarketing” mit teurer Telefonnummer) stehen, sondern auch diese Stellengesuche:

Zuverl. Rentner 67 J., sucht Tätigkeit auf 350 EUR Basis, im Lager, Büro, Fahrdienst oder Call-Center

Frau sucht für 13 Jahre bis zur Rente anspruchsv. kfm. Tätigkeit als Sachbearb., Dispo, Personalwesen, SAP R3 MS Office

Rentnerin (65) sucht geringfügige Beschäftigung in Buchhaltung, Handel od. Kantine.

Quelle: Sächsische Zeitung

Wie arm ist ein Land, daß seinen älteren Mitbürgern so wenig Luft zum Atmen lässt, daß diese auch in Zeiten, in denen ihre Hauptaufgabe in der Enkelbetreuung und dem Genuß des Erarbeiteten liegen sollte, gezwungen sind, arbeiten zu müssen? Hallo Aufschwung! Kannst Du Dich bitte mal zeigen? Es allen ein wenig einfacher machen? Oder bist Du nur ein Hirngespinst abgehobener Politiker und fett bezahlter Manager? Verdammt, wo leben wir eigentlich?

  1. Ja, da schluckt man und schaut noch einmal genauer hin, weil man denkt, dass es sich um Druckfehler handelt. Und dann…F*** steht es noch genauso da.
    Ich kehre dem deutschen lausigem Arbeitsmarkt den Rücken und gehe in die Niederlande. Konsequent dem Hartz4 Monster die Nase zeigend. Perspektiven gewinnend.
    Nicht länger darauf hoffend, dass sich in Sachen Mindestlohn oder überhöhten Managergehältern was tut. Neoliberalistisch Globaliesierungsgeschädigt flexibel bis kurz vorm Brechen.
    Da lerne ich lieber Niederländisch und werde als Mensch und arbeitskraft geschätzt. Und dass ich, nur am Rande bemerkt, besser bezahlt werde als in der Bondsrepubliek Duitsland und damit meine Existenz alleine sichern kann, ist mir ein innerer Vorbeimarsch!
    Also Peace Bruder!

  2. @Morgiane: Und was machst Du, wenn in ein paar Jahren die Situation in den Niederlanden genauso schlecht oder noch schlechter ist? Ziehst Du dann wieder weiter?

    Irland war vor ein paar Jahren praktisch pleite – und heute hat es eine der gesündesten Wirtschaften Europas. Es ist nun mal so, dass jedes System Schwankungen unterworfen ist. Und dass wir in Deutschland nach ca. 50 fetten Jahren auch mal ein paar schlechtere Jahre erleben müssen, dass finde ich so schlimm nicht.

    Wobei ich damit nicht das skandalöse Verhalten diverser Wirtschaftsbosse entschuldigen will. Doch die legen weltweit das gleiche Verhalten an den Tag.

    Und was die Politiker betrifft: Gut – wenn die gleich bei Gründung der Republik auf private Renten gesetzt hätten, dann hätten wir das Problem mit den armseligen Renten nicht. Doch was sollen die denn heute machen? Geld verteilen, das nicht da ist? Dazu kommt, dass sie leider auch wesentlich inkompetenter und angepasster sind als frühere Politik-Größen wie Schiller, Schmidt, Brandt, Adenauer und Strauß.

    Doch die heutigen Probleme wären vermutlich sogar für ein echtes Genie kaum zu lösen.

  3. @Don Parrot: Ich wohne im strukturschwachen Grenzgebiet, so hieß es früher einmal jedenfalls, habe etliche Jobs hier durch, die mich immer noch dazu gezwungen haben zusätzliche Unterstützung vom Staat zu beantragen und dann jedes Mal neue Anträge zu stellen. Habe aufgrund meiner familiären Situation keine abgeschlossene Ausbildung inclusve eines abgebrochenen Studiums. Noch dazu bin ich Frau und Familienversorgerin. Und ich freue mich auf Holland, weil ich nach dem ich meine Grundlage wieder hergestellt habe, Weiterbildungspläne habe.
    Was passiert, wenn es in den Niederlanden nicht mehr klappt? Wenn heute eines sicher ist, dann das nichts sicher ist.
    Und bis dahin habe ich hoffentlich das Kapital, dass ich brauche um mich als Jugend- und Kindertherapeutin selbstständig zu machen.

    Klar ist, dass diese verworrene und verfahrene Kiste aus dem Dreck muß, aber ich bin nicht länger bereit darauf zu warten, was der Politikerkaste einfällt. Ich gehe wählen, ich teile freimütig meine unbequeme Ansicht der Dinge mit und versuche nicht länger HartzIV zum Opfer zu fallen, meinen Kindern Ausbildung/Studium zu ermöglichen, bin also ein indidualisiertes Humankapital, dass sich aber nicht länger unter wert verkauft.
    Kommt es hier in diesem unserem Lande zu wahren Alternativen, Menschen die aufstehen, bin ich dabei…

  1. 16. Januar 2008